Corona, der Lockdown und die Seele unserer Kinder

 

Das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat Anfang dieses Jahres (2021) eine Umfrage (Copsy-Längsschnitt-Studie) abgeschlossen. Die Forscher interessierte, wie sich die Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kinder und Jugendlichen auswirkt. In der Studie wurden bundesweit 1.000 Kinder und Jugendliche zu ihrem seelischen Befinden während der Corona-Pandemie befragt.

Die Ergebnisse sind zum Teil alarmierend: Ein knappes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie leidet fast jedes dritte Kind in Deutschland unter psychischen Auffälligkeiten, darunter Niedergeschlagenheit, sowie psychosomatische Symptome wie Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen. Betroffen seien vor allem Kinder aus sozial schwächeren Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund.

Über 70% von 1.000 befragten Kinder und Jugendlichen fühlten sich laut Studie durch die Corona-Pandemie seelisch belastet. Kinder berichteten, dass ihre Lebensqualität und psychisches Wohlbefinden sich verschlechtert habe. Stress, Gereiztheit, Schlafprobleme, Angst, Sorgen und Depressionen haben im Laufe des Coronajahres zugenommen. Das Risiko für psychische Auffälligkeiten hat sich fast verdoppelt. Dabei zeigten sich jüngere Kinder stärker betroffen als ältere Kinder.

Die Studie zeigte auch, dass Kinder noch mehr Zeit vor dem Bildschirm (Smartphone, Tablet, Spielelkonsole) verbringen, viel mehr Süßigkeiten konsumieren und deutlich weniger bis überhaupt keinen Sport machen. „Sport ist ganz wesentlich für das psychische und physische Wohlbefinden. Neben der für die gesunde Entwicklung so wichtigen Bewegung treffen Kinder und Jugendliche beim Sport auch ihre Freunde, lernen, sich in eine Mannschaft einzuordnen und mit Konflikten, Siegen und Niederlagen umzugehen“, sagt Prof. Dr. Ravens-Sieberer, Leiterin der COPSY-Studie und Forschungsdirektorin der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik des UKE.

27 % der Kinder und Jugendlichen berichten laut Studie ebenfalls, dass sich das Familienklima während der Corona-Pandemie verschlechtert habe, und sogar zwei Drittel, dass das Lernen als wesentlich anstrengender empfunden wird als vor der Coronapandemie.

Weiter empfinden fast alle Befragten das Verhältnis zu Freunden als belastend, welches durch den eingeschränkten persönlichen Kontakt erschwert wird.

Auch viele Eltern fühlen sich durch das Homeschooling und die Doppelbelastung mit ihrer Arbeit immer stärker belastet und kommen an Ihre Grenzen. Hier haben ebenso die Depressionen zugenommen. Die Dunkelziffer von häuslicher Gewalt gegen Kinder, aber auch unter Eltern, habe, wie die Forscher erwähnen, zugenommen.

 

Was schützt Kinder vor den psychischen Folgen der Pandemie?

„Wer vor der Pandemie gut dastand, Strukturen erlernt hat und sich in seiner Familie wohl und gut aufgehoben fühlt, wird auch gut durch die Pandemie kommen.“, stellt Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer fest. So hatten Kinder und Jugendliche, die optimistisch und zuversichtlich in die Zukunft schauen können, und jene, die viel gemeinsame Zeit mit ihren Eltern verbrachten, jeweils eine höhere gesundheitsbezogene Lebensqualität. Auch Geschwister zu haben schützt vor der Einsamkeit in Coronazeiten.

„Nähe und Aufmerksamkeit der Eltern ist der wichtigste stabilisierende Faktor für Kinder und Jugendliche in der Ausnahmesituation der Pandemie. Als Vorbild können sie ihnen entscheidend helfen, die große Verunsicherung zu bewältigen, die der grundlegend andere Alltag auslöst.“, schreibt die Bundes Psychotherapeutenkammer in einer aktuellen Broschüre zur Coronapandemie (2020).

Der Mensch und sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit

Der Mensch ist ein soziales Lebewesen, ein Rudeltier. Was ihm in den letzten Monaten im Lockdown auferlegt wird, geht gegen seine Natur. In der Gruppe mit anderen entwickeln wir Menschen unsere soziale Identität, in der Gruppe lernen wir – vor allem Kinder – Regeln und Umgangsformen miteinander, lernen auch Grenzen kennen. In der Gruppe hat der Mensch evolutionär gesehen „Überlebensvorteile“ und fühlt sich dadurch sicher. Unsere gesamte Kultur ist daher auf soziale Kontakte in Gruppen ausgelegt, in Familien, Freundeskreisen, Schulklassen, Arbeitsgruppen im Job, Vereinen usw. – überall leben wir in unterschiedlichsten Gruppen mit anderen Menschen zusammen. Für viele Menschen fühlt sich das Leben im Lockdown mit der Distanzierung zu alten, vertrauten, sicherheitsgebenden Gruppenzugehörigkeiten daher auf die Dauer nicht gut an, nicht artgerecht.

Zahlreiche Studien belegen die Bedeutung sozialer Kontakte auf die psychische und physische Gesundheit von Kindern und Erwachsenen. Hier seien beispielhaft zwei Untersuchungen erwähnt. In einer quantitativen Studie mit 4526 Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren untersuchten 2012 Forscher des norwegischen Instituts für öffentliche Gesundheit Faktoren, die die psychische Gesundheit von Jugendlichen positiv und negativ beeinflussten. Unter den ausgewählten Faktoren sahen sie, dass „soziale Unterstützung durch Freunde“ und „Freizeit mit Freunden“ die stärksten Schutzfaktoren gegen psychische Störungen bei Jugendlichen waren.

Forscher der University of North Carolina (UNC) wiesen 2016 nach, dass vor allem die sozialen Kontakte eines Menschen für dessen Gesundheit verantwortlich sind.

Die Wissenschaftler analysierten die Daten von US-Amerikanern vom Jugendalter bis hin zu Senioren. Dabei betrachteten sie die sozialen Verbindungen, die freundschaftliche Unterstützung durch andere Menschen sowie soziale Belastungen. Dazu wurden gesundheitliche Aspekte wie Bauchumfang, Blutdruck und den Body Mass Index, also genau die Werte, die im Zusammenhang mit Herzerkrankungen stehen, erfasst.

Die Ergebnisse zeigten eindeutig: Je mehr soziale Verbindungen und Kontakte die Versuchspersonen im jungen Alter hatten, umso besser waren im Alter ihre gesundheitlichen Werte. Die Wissenschaftler folgerten daraus, dass es für ein gesundes Leben genauso wichtig sei, Freundschaften zu haben und zu pflegen, wie sich gesund zu ernähren und Sport zu treiben.

Wir Erwachsene können mit unserer hinter uns liegenden Lernerfahrung sicherlich Durststrecken einfacher kompensieren. Kinder sind jedoch keine kleinen Erwachsenen. Sie müssen sich noch entwickeln und haben andere Bedürfnisse, zum Beispiel einen viel höheren Bewegungsdrang, einen wesentlich höheren Bedarf an Sauerstoff, sie brauchen Mimik und Gestik, um Sprach- und Sozialverhalten erlernen zu können, sie brauchen Spielkameraden, sie lernen „das große Leben“ im Spiel mit anderen Kindern. Dabei ist das Spiel in den Wohnungen nicht zu vergleichen mit den Kontakt- und Bewegungsmöglichkeiten auf Spielplätzen und in Sportvereinen. Außerdem brauchen Kinder die immer wiederkehrende Strukturen und Rituale aus Familie, Kindergarten und Schule, um sich sicher zu fühlen und Entwicklung zu wagen.

Die Zukunft wird zeigen, ob die Auswirkungen durch eine Ansteckung mit dem Coronavirus unsere Gesundheit stärker geschädigt haben wird oder die Auswirkungen der Kontaktarmut in einem Lockdown in Coronazeiten.

Corona, der Lockdown und die Seele unserer Kinder | Praxis für Familiencoaching ›› Dipl.-Psych. Cornelia Kroes