Buchtipp!

Was uns krank macht – Was uns heilt: Aufbruch in eine Neue Medizin. Das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele besser verstehen.

von Christian Schubert (2016)

Psyche, Gehirn und Immunsystem wirken aufs engste zusammen. Dafür gibt es inzwischen zahlreiche wissenschaftliche Belege. Unser Immunsystem steht in ständiger Wechselwirkung mit unseren Gedanken, unserem Verhalten, unseren Gefühlen. Prof. Dr. Dr. Christian Schubert ist Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie an der Klinik für Medizinische Psychologie der Medizinischen Universität Innsbruck. Er gehört zu den führenden Wissenschaftlern in der noch recht neuen medizinischen Disziplin Psychoneuroimmunologie. Neueste Studien zeigen, chronischer Stress, z.B. in Beziehungen, in der Familie oder im Job, macht uns nicht nur anfälliger für Infektionen, sondern kann sogar unser Leben verkürzen, langfristig sogar zu schweren Leiden wie Krebs und Autoimmunkrankheiten führen. Die gute Nachricht ist aber, dass positive Gedanken sowie seelische Ausgeglichenheit und inneres Wohlbefinden unsere Selbstheilungskräfte mobilisieren, die mithelfen Krankheiten verhindern.

Das Buch ist aktuell, hochspannend, leicht verständlich, manchmal provokativ.

20170921-DSC_5306-4

Wussten Sie schon?

Was genau ist Psychoneuroimmunologie?

Lange Zeit wurden Körper und Seele in der Medizin getrennt voneinander betrachtet und dementsprechend auch so behandelt.

Die Psychoneuroimmunologie (PNI) sieht Körper und Seele als untrennbare Einheit. Sie ist ein junges – etwa 40 Jahre altes – interdisziplinäres Forschungsfeld in intensiver Entwicklung, das sich zwischen Immunologie, Psychosomatik, Psychologie und den Neurowissenschaften befindet. Christian Schubert ist überzeugt davon, dass sich das Psychische im Immunologischen 1:1 abbildet.

Die PNI beschäftigt sich mit Interaktionen zwischen Psyche, Gehirn und Immunsystem und untersucht diese Zusammenhänge mit hochaufwendigen, wissenschaftlichen Langzeitstudien. Vereinfacht geht es der PNI darum zu zeigen, wie unser Denken und unsere Emotionen den Körper und das Immunsystem und damit dann auch die Gesundheit beeinflussen.

Die PNI belegt das in Zahlen, was der Volksmund schon lange weiß. Es gibt beispielsweise inzwischen viele wissenschaftliche Belege, dass die emotionale Befindlichkeit eines Menschen die Immunabwehr beeinflusst. Ein anderes Forschungsergebnis ist, dass unter Stress Wunden deutlich schlechter heilen. Wie wichtig ist also eine stressfreie Umgebung im Krankenhaus oder beim Zahnarzt!

Ebenfalls konnte in Studien gezeigt werden, dass Optimisten weniger infektanfällig sind und messbar bessere Immunfunktionen und geringere Entzündungswerte haben als negativ eingestellte Menschen.

Auch ein Zusammenhang zwischen Stress und Rezidivauftreten nach einer Krebserkrankung wurde von den Innsbrucker Forschern festgestellt. Stressreduktion verlängere demnach die krebsfreie Zeit.

In anderen Untersuchungen fand man heraus, dass der körperliche Entzündungslevel bei Personen, die an Alzheimer erkrankte Familienangehörige pflegen, viermal so hoch ist wie bei nicht pflegenden, gleichaltrigen Menschen. Das führt zu einem vorschnellen Altern des Immunsystems und einer geringeren Lebenserwartung.

Die Fachliteratur spricht in diesem Zusammenhang von einer „silent inflammation“, einer stillen Entzündung. Eine stille Entzündung ist eine Fehlregulation des Immunsystems, die durch Überernährung, Bewegungsmangel und Stress verursacht wird. Sie ist also eine Folge des Lebensstils und entwickelt sich chronisch und fortschreitend. Übergewicht und Rauchen sind ebenfalls klare Auslöser für stille Entzündungen im späteren Leben. Hier wendet sich dann das Immunsystem gegen den Körper. Messbar werden stille Entzündungen durch Entzündungsmarker im Blut.

Erste Belege gibt es, dass Entzündungsbotenstoffe auch mit verantwortlich für – im klassischen Sinne – psychische Krankheiten sind. Untersuchungen gibt es im Bereich der Depressionen. Das Immunsystem ist möglicherweise bei der Entstehung von Depressionen bisher vernachlässigt worden.

Christian Schubert vermutet, dass auch Autoimmunerkrankungen wie Diabetes oder Morbus Crohn stressassoziiert sind. Er berichtet aus seiner beruflichen Praxis – er ist neben der Forschungsarbeit an der Universität Innsbruck auch als Psychotherapeut tätig –  gute Erfolge mit Psychotherapie bei diesen Krankheiten, die sonst häufig nur mit Medikamenten behandelt werden.

Was schützt und fördert unser Immunsystem?

Christian Schubert empfiehlt zum einen die Reduktion von Stress – beruflich und privat – und einen gesunden Umgang mit Wut und Ärger, was manchmal nur im Rahmen einer Psychotherapie lernbar sei. Weiterhin weist er darauf hin, das Krankheitsgefühl bei Infekten ernst zu nehmen, da nur in dieser vom Körper geforderten „Pause“ Heilungsprozesse und Immunsystemstabilisierung stattfinden könnten. Also: Bettruhe bei grippalen Infekten und nicht dem eigenen Leistungsanspruch nachgeben, indem man Medikamente einwirft und weitermacht.

Schützend seien zudem gute Begegnungen mit Menschen, Pflege von Freundschaften und nachbarschaftlichen Beziehungen. Psychoneuroimmunologen weisen auf die guten, anti-entzündlichen Effekte von guter Ernährung mit der Vermeidung von Übergewicht hin, genügend Schlaf (7-8 Stunden pro Nacht) zur neuronalen Regeneration und Festigung von Gelerntem und ganz wichtig, viel Bewegung.

Wie wichtig ist Sport?

Prof. Dr. Dr. Karsten Krüger, Sportwissenschaftler von der Universität Hannover, betont die wissenschaftlich belegten, entzündungshemmenden Auswirkungen von Sport und Bewegung als eine der wirksamsten Einflussfaktoren. Auch nur über einen aktiven, bewegungsreichen Alltag ließen sich wirksame anti-entzündliche Effekte erreichen, Sport könne dies aber noch effektiver leisten.

Unser Körper, so Professor Krüger,  sei genetisch auf viel Bewegung angelegt. Unsere Vorfahren, die Jäger und Sammler, legten zwischen 20 bis 40 km am Tag zurück. Davon seien wir heute weit entfernt. Eine Untersuchung mit Finanzbeamten in einer kleinen, deutschen Stadt zeigte, dass sich die Untersuchten nur 400 bis 700 m am Tag fortbewegten. Der deutsche Durchschnitt liegt bei 1-3 Kilometern am Tag. Viel zu wenig, sagt Professor Krüger. Bewegungsmangel führe auf die Dauer zu stillen Entzündungen und entsprechenden Krankheiten.

Aber auch Menschen, die bereits an einer Grunderkrankung, in der stille Entzündungen eine Rolle spielen, erkrankt seien (z. B. Herzkreislaufentzündungen, Diabetes II, COPD usw.), könnten durch regelmäßiges körperliches Training ihre Entzündungswerte herunterregeln, was dann zu einer Verbesserung der Krankheitssymptome führe.

Der Wissenschaftler betont, dass es nicht auf ein bestimmtes Trainingsprogramm oder starke körperliche Beanspruchung ankomme, sondern auf unsere Gesamtaktivität im Alltag. Dazu könne das Training im Handballverein oder der Tanzkurs gehören, müsse aber nicht. Auch der Spaziergang mit dem Hund zählten, Treppensteigen, der Weg mit dem Fahrrad zur Arbeit, Putzen oder Gartenarbeit.

Seine Empfehlung für eine optimale Förderung des Immunsystems durch Bewegung liegt bei 2000 bis 3000 Kcal zusätzlich pro Woche. Zu den Gesundheitssportlern gehöre man mit etwa 10000 bis 12500 Schritten am Tag. Zur Veranschaulichung: 10 Minuten Spazierengehen bringen 1000 Schritte, 50 Minuten Joggen 8000 Schritte und 90 Minuten mit dem Hund gehen 10000 Schritte.

Buchtipp Körper und Seele | Praxis für Familiencoaching ›› Dipl.-Psych. Cornelia Kroes